Emilia Galotti: Odoardo – Ein gescheiterter Selbstaufklärer?

Von Blendi und Leopold

Wir wollen unser Thema „Odoardo – ein gescheiteter Selbstaufklärer?“  in zwei Punkten genauer beschreiben und möchten als erstes klären, was genau ein Aufklärer überhaupt ist, danach gehen wir auf die Frage ein, ob Odoardo ein gescheiteter Aufklärer ist.

Was sind aufgeklärte Menschen und was machen sie?

Aufklärer sind Menschen, die sich gegen die Obrigkeit, wie Könige oder die Kirche, wenden und sich ihren eigenen Kopf zunutze machen statt auf jemanden anderen zu hören.

Welchen Nutzen die Aufklärer hatten und was sie vollbracht haben wird durch verschiedene Ereignisse deutlich, wie die Französische Revolution, die industrielle Revolution, die Entwicklung der Wissenschaft und die Säkularisierung (was so viel bedeutet, wie gelöst von der Religion oder auch Entchristlichung genannt).

 ,,Sapere aude!  Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ‘‘Ist ein bekannter Wahlspruch der Aufklärung.

Immanuel Kant sagte einst: „ Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Michel Foucault meinte auch in seinem Buch „Ethos der Moderne“ (ebd. S.45), dass Aufklärung eine Haltung sei, die als permanente Kritik unseres historischen Seins beschrieben werden kann.

Im Allgemeinen war die Aufklärung eine Epoche in der modernen westlichen Philosophie. Historisch gesehen wird die Entwicklung von Politik, in der Wissenschaft oder der Gesellschaft der Aufklärung zugeschrieben. Der Grund für die Unmündigkeit der Menschen ist laut Kant die Faulheit selbst zu denken: „Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

Ein aufgeklärter Mensch also, ist bereit die gegebenen Umstände zu hinterfragen, indem er sich seines Verstandes bedient. Er betrachtet soziale und politische Umstände kritisch und analysiert die Dinge auf wissenschaftliche Art, statt die traditionelle Sichtweise unhinterfragt anzunehmen. Dazu gehört unter anderem die Kritik an herrschenden Systemen.

Lessings „Emilia Galotti“

„Emilia Galotti“, ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen, ist ein Drama der Aufklärung, das dem damals vorherrschenden französischen Vorbild widerspricht und sich auch von der durch Johann Christoph Gottsched formulierten Regelpoetik absetzt. Lessing beschreibt den Konflikt zwischen dem Adel und dem Bürgertum, kritisiert die absolutistische Willkür sowie die engen bürgerlichen Moralvorstellungen.

Emilia Galotti, die Tochter Oduardo Galottis, soll den Grafen Appiani heiraten. Da der Prinz jedoch ein Auge auf Emilia geworfen hat, verhindert er diese Hochzeit, indem sein Kammerherr Marinelli den Prinzen töten lässt. In Zusammenhang mit dieser Intrige gelangt Emilia auf das Lustschloss des Prinzen. dort erfährt sie von ihrem Vater Odoardo (der dies wiederum von der Gräfin Orsina erfahren hatte), dass der Prinz für den Tod ihres Geliebten verantwortlich ist und Odoardo sich nun rächen will. Daraufhin nimmt sie den Dolch und will sich das Leben nehmen. Ihr Vater hindert sie aber dabei und bringt seine Tochter selbst um, um sie vor der Schande und der Sünde des Selbstmords, die sie damit begangen hätte, zu bewahren. Der Prinz gibt Odoardo die Schuld an dem tragischen Ausgang, doch dieser sagt dem Prinzen, er würde ihm beim größeren Gericht wieder sehen und die Tat als liebender Vater und Retter der Unschuld seiner Tochter erklären.

Was macht Odoardo zu einem gescheiterten Selbstaufklärer?

Odoardo ist ein stolzer Mann, wie der Prinz auf S.9 Z.35 zu dem Maler Conti meint. Zudem ist er oft sehr besorgt um seine Tochter Emilia. Als sie beispielsweise in der Messe ist, fragt er sich, wo sie so lange bleibt (S.21, 2. Auftritt und S.24 4. Auftritt Z.1). Odoardo ist auch ein Mann, der gegen die Obrigkeit steht. Er bringt seine Abneigung gegenüber dem Prinzen häufig zum Ausdruck (S.26, 2. Aufzug 4.Auftritt). Claudia sagt beschreibt ihrem Ehemann mit den Worten: „Welch ein Mann! – O, der rauen Tugend!“ (S.27 Z.4) und sie bezeichnet den Prinzen als Odoardos Feind. In vielerlei Hinsicht ist Odoardo ein weiser Mann, ein ehrenvoller Vertreter des bürgerlichen Volkes, der eine gewisse Abneigung zum Adel empfindet, doch paradoxerweise bezeichnet der Prinzen ihn auch als einen Freund (S.87 Z.31f).

Odoardo scheitert in sich selbst, er verliert seine inneren Konflikte und ist sich nicht sicher, was er glauben oder denken soll. Er hört nicht mehr auf seine eigene Stimme, sondern lässt andere mit seinen Gedanken spielen. Er verliert langsam den Verstand (S.83 6. Auftritt), obwohl er am Anfang dieses Trauerspieles noch die volle Kontrolle darüber hatte. Zum Ende hin merkt er doch, wie sehr er den Verstand verlor, als er Emilia den Dolch gibt. Er merkt, wie falsch es war und nimmt den Dolch zurück, als er merkt, was sie damit vorhat und ersticht sie aus Liebe als guter Vater, der die Schuld auf sich nimmt.

Doch eigentlich stellt man sich die Frage, ob Odoardo wirklich als Aufklärer gescheitert ist oder ob er doch bis zum Ende dieses Trauerspieles seinen aufklärerischen Idealen treu bleibt. Denn am Ende dieses Dramas stellt er sich dem Prinzen und fragt ihn – wahrscheinlich voller Hohn und in tiefer Trauer – „Ziehe hin! – nun da, Prinz! Gefällt sie ihnen noch? Reizt sie noch Ihre Lüste? Noch in diesem Blute, das wider Sie um Rache schreiet? Aber Sie erwarten, wo das alles hinaus soll? Sie Erwarten vielleicht das ich den Stahl wider mich selbst kehren werde, um meine tat wie eine schale Tragödie zu beschließen? – Sie irren sich. Hier! Hier liegt er, der blutige Zeuge meines Verbrechens! Ich gehe und liefere mich selbst in das Gefängnis. Ich gehe und erwarte Sie als Richter. – Und dann dort – erwarte ich sie vor dem Richter aller!“ (S.87 Z.13ff) Er spricht gegen den Prinzen und glaubt daran, dass Gott als hoher Richter erkennen wird, dass die eigentliche Schuld nicht bei ihm, sondern beim Prinzen liegt. Dadurch macht er deutlich, dass er zwar entsetzt über den Ausgang der Tragödie ist, seine Tat jedoch als richtig betrachtet.

Im Großen und Ganzen könnte man Odoardo sowohl als gescheitert als auch als erfolgreich betrachten. Gescheitert, weil seine Ideale nicht geholfen haben, die Tragödie zu verhindern (hätte er auf sein Gefühl gehört und nach der Messe auf Emilia gehört, hätte er womöglich alles aufhalten können), erfolgreich, da er konsequent seine Ansichten vertreten hat und damit sogar soweit ging, seine eigene Tochter zu töten, solange dies im Sinne der Aufklärung ist.

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