Emilia Galotti: Orsina – Die Aufklärerin im Stück?

Die Epoche der Aufklärung ist Teil der modernen westlichen Philosophie. Die Menschen begannen, die Umstände nicht länger als gegeben hinzunehmen, sondern sich ihres Verstandes zu bedienen und somit das Altbekannte gegebenenfalls auch in Frage zu stellen. Unklarheiten und Irrtümer wurden durch gezielten Erwerb neuen Wissens beseitigt. Doch aufgrund der Ständegesellschaft 1772 war es sehr schwer, sich gegen die höheren Stände zu Wehr zu setzen.

Gotthold Ephraim Lessing zeigt in seinem bürgerlichen Trauerspiel „Emilia Galotti“, wie der Vater Emilias, Odoardo, seine Tochter vor dem Prinzen bewahren will, doch seinen Zorn gegen den Adel unterdrücken muss.

Im 4. Aufzug 7.Auftritt tritt Odoardo auf die ehemalige Mätresse des Prinzen, Orsina.

Odoardo ist völlig unwissend darüber, was der Prinz für ein Spiel spielt. Der Prinz will Emilia ohne Rücksicht auf Verluste für sich gewinnen. Doch die Gräfin Orsina, die ehemalige Geliebte des Prinzen, die sprachlich und geistig allen überlegen ist, durchschaut das Spiel des Prinzen sofort.

Sie benutzt klug Odoardo als „Werkzeug“ ihrer Rache am Prinzen. Sie bezeichnet ihn als „unglücklich“ (z.9), was Odoardo nicht gleich versteht. Erst als Orsina von „Wahrheit“ spricht, wird seine Neugierde geweckt: „ Aber, reden Sie nur, reden Sie nur.“ Doch sie lässt ihn zappeln und versucht, ihn von der Unehrlichkeit des Prinzen und des Kammernherrn Marinelli zu überzeugen.

Dadurch wird Odoardo klar: „ So spricht keine Wahnwitzige!“

Orsina lässt sich durch niemanden abbringen und will ihr Ziel, sich an dem Prinzen zu rächen, ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen.

Sie spricht besonders seinen Verstand an, den er allerdings leicht verlieren kann, wenn sie ihm die Wahrheit sagt. Die anfängliche Neugierde Odoardos schlägt in Unruhe um.

Daraufhin fordert Odoardo Orsina sogar auf, die Wahrheit auszusprechen. „Sagen Sie es! sagen Sie es! Oder es ist nicht wahr.“ (Z.18)

Schließlich erzählt Orsina ihm, von Appianis Tod und dem Plan des Prinzen Emilia für sich zu gewinnen. Odoardo ist geschockt und möchte die Unschuld seiner Tochter beweisen. „ Sprach sie in der Messe? Der Prinz meine Tochter?“ (Z.32)

Orsina denkt, Emilia sei freiwillig auf dem Lustschloss und sei Mitschuld an dem Mord Appianis.

Die Unruhe bricht jetzt in entsetzliche Wut aus und bekräftigt den Anstand seiner Tochter: „Verleumdung! verdammte Verleumdung! Ich kenne meine Tochter.“ (Z.36)                                                                                                           -1-

Dadurch, dass Odoardo nun ungeheure Wut auf den Prinzen hegt und Mordgedanken hat „Wirkt es, Alter! wirkt es?“ (Z.39), hat Orsina ihr geplantes Ziel erreicht.

Sie drängt Odoardo den Dolch auf, mit dem auch er sich an dem Prinzen rächen soll. „Nehmen Sie ihn! (Ihm den Dolch aufdrängend.) Nehmen Sie!“ (Z.45)

Hier sieht man, wie sehr ihr Zorn über den Prinzen die Oberhand gewinnt, da ihr völlig egal ist ob sie einen Menschen in den Verderb stürzt.

Obwohl Orsina nur eine Nebenrolle im Drama spielt und nur in der Hälfte des Stückes vorkommt, ist ihre Rolle, für das Stück von großer Bedeutung. Sie ist eine eigenständige, hochgebildete und selbstbewusste Frau. Orsina ist eine Adelige und gehört damit, dem Hofe an. Sie ist die ehemalige Geliebte des Prinzen, die schon zu Beginn, negativ charakterisiert „ stolze höhnische Miene“ wurde. Man merkt aber schnell, dass Orsina, sprachlich und geistig überlegen ist.

Die Aufklärung in „Emilia Galotti“ im Jahre 1772 war jeher schon im Umbruch, doch es wurde sich immer noch an Grundprinzipien des Gehorsams und Religiosität orientiert. Der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum ist groß, dem sich Orsina aber widersetzt. Sie empfindet Mitleid mit Emilia, nicht wegen ihres Standes, sondern wegen ihrer Situation. Somit setzt sich Orsina über die Grenzen der Stände hinweg. Sie ist die Einzige in diesem Drama, der es gelingt, Situation zu erfassen, sie zutreffend zu analysieren und zu benennen(S.68). Sie ist hochgebildet und selbstbewusst und lässt dies auch ihre Mitmenschen wissen und widersetzt sich so den engen bürgerlichen Moralvorstellungen, die zum Beispiel Odoardo hegt. Der Begriff „Verstand“ kommt oft in diesem Dialog vor. Orsina definiert den Menschen über den Verstand (S.68, V.9). Es soll die Ausweglosigkeit Odoardos unterstreichen.

In dieser Szene kommt Orsina teilweise nur als Aufklärerin vor, da sie im Gegensatz zu Odoardo ihre Gefühle freien Lauf lässt, was dem Grundgedanken der Äufklärung widerspricht. Sie widersetzt sich ebenfalls gegen die Moralvorstellungen dieser Zeit und stellte sich als Frau des Adels auf die Seite des Bürgertums, da vernünftiges Handeln die Leitidee des Bürgertums ist.

Doch andererseits fungiert sie hier nicht als Vertreterin der Aufklärung, da sie die „erste, die beste“ (S.60/30f) Gelegenheit ergreift, Rache am Prinzen zu nehmen.

Fazit:

Orsina hat die aufklärerische Funktion in dem Sinn, dass sie die notwenigen Informationen an Odoardo liefert und das Spiel des Prinzen durchschaut. Sie widersetzt sich aber deutlich der Aufklärung dieser Zeit, da sie offen ihre Kritik und Verachtung gegenüber ihren Mitmenschen, auch Adel und höher gestellte Personen, äußert. Beispielsweise redet die Gräfin sehr grob und verachtungsvoll mit Marinelli (S.52 Z.10-18). Wenn man bedenkt, dass sie nur auftaucht, um den Prinzen zu schaden und Odoardo gegen ihn aufzuhetzen, handelt sie hier nicht als Vertreterin der Aufklärung. Auch dadurch, dass sie nur persönliche Rachegedanken hegt und den Verderb anderer Menschen, in diesem Fall Odoardo, völlig egal ist. Ihre Eigenständigkeit und ihre gebildete Art schaffen ihr Überlegenheit. Sie setzt sie jedoch egoistisch ein und handelt daher aus aufklärerischer Sicht unverantwortlich.

Quellen:

– Gotthold Ephraim Lessing:Emilia Galotti – Kapitel 11, Auftritt 7: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1174/11

-Judith Schütte: M2 Erwartete Ergebnisse der Erarbeitungsphase – IV,7 (Folie), Seite 9 www.studienseminarpaderborn.de/plaintext/downloads/schuetteemilia.pdf

Wolf Dieter Hellberg: Lektürenhilfe Emilia Galotti. Stuttgart 2005. S.28-32,S.60-64,S.141-142

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