Sturm und Drang: Gegenbewegung oder Teil der Aufklärung?

von Ana und Mahtab

In der Aufklärungsepoche zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert wird ein neues, naturwissenschaftliches Weltbild eröffnet. Vor allem durch den Aufstieg des Bürgertums und den Niedergang des Adels wird diese Epoche gekennzeichnet. Es wurde daran appelliert, sich seines Verstandes zu bedienen und wissenschaftliche Belege für Geschehnisse zu suchen.

Es gibt geteilte Meinungen, ob die kurze, gefühlsbetonte Epoche des Sturm und Drangs eine Gegenbewegung oder eine Weiterführung der Aufklärung ist. Diese Epoche wird auch als „Geniezeit“ bezeichnet, welche sich von 1767 bis 1790 erstreckte. Das Originalgenie wurde durch ein Ideal eines Unabhängigen, sich selbst verwirklichenden Individuums dargestellt. Die Werke des Sturm und Drangs wurden vor allem von jungen Dichtern verfasst. Im Gegensatz zur Aufklärung, in welcher man die Vernunft einsetzte, wurden in der Sturm und Drang Epoche starke Gefühle zum Ausdruck gebracht. Die strengen Formvorschriften in der Musik, Poesie und Tragödie, welche in der Aufklärung herrschten, wurden aufgelöst. Die Themen der Lyrik sind nun vor allem durch die Natur inspiriert (Sonnenschein -> Heiterkeit, Regen -> Trauer). Die Entdeckung von Shakespeare eröffnete den Stürmern und Drängern eine neue Welt, wodurch die Anlehnung an die französische Dichtung abgelöst wurde.

Die Wörter Genialität, Spontanität, Individualität, Gefühl, Empfindung, Natürlichkeit und Originalität definieren den Sturm und Drang.

Dadurch, dass sich die Stürmer und Dränger gegenseitig in ihren Gedichten übertreffen wollten, entstand ein großer Konkurrenzdruck auf dem literarischen Markt, wodurch immer mehr Schriftsteller hinzukamen.

Einige Unterschiede in den beiden Epochen sind vorhanden. In der Aufklärung bedient man sich dem Verstand und Vernunft in allen Lebensbereichen. Im Gegensatz dazu ist die Sturm und Drang Bewegung durch starke Gefühle betont. Der Kulturfortschritt der Aufklärung wurde mit gespaltenen Meinungen entgegengenommen; die Sturm und Drang Anhänger waren skeptisch und teilweise ablehnend gegenüber dieser, da sie die Natur als „vergöttlicht“ betrachteten. Die Aufklärer zogen den wissenschaftlichen Beweis der Vergöttlichung vor.

Die beiden Leitsprüche sind ebenfalls ziemlich unterschiedlich, zum einen „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ von Immanuel Kant, einem wichtigen Vertreter der Aufklärung und zum anderen „zurück zur Natur“ von Rousseau.

Ein weiterer Unterschied ist, dass sich der Sturm und Drang vor allem in Deutschland abspielte, jedoch die Aufklärung in ganz Europa verbreitet war.Auch waren die Anhänger des Sturm und Drangs im Alter von 20- 30, im Gegensatz zu den Anhängern der Aufklärung welche ein höheres Alter aufwiesen.

Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten dieser beiden Epochen.

Zum einen wird der Absolutismus, der Niedergang des Adels und der Aufstieg des Bürgertums, in beiden Epochen weitergeführt. Das Bürgertum übernimmtden Anspruch auf gesellschaftliche Führung.

Das einzelne Individuum rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit, dies wird zum wichtigsten Ideal.

Ein Vergleich zwischen den beiden Lektüren Die Leiden des jungen Werthers von Goethe und Emilia Galotti von Lessing zeigt Unterschiede zwischen den beiden Epochen auf.

Goethe verdeutlicht mit seinem Werk Die Leiden des jungen Werthers, dass es für ein bürgerliches Individuum unmöglich sei seine Identität zu finden. Er lässt seinen Charakter Werther, der an der Gesellschaft zerbricht, sein Leben mit einem Selbstmord beenden. Zu dieser Zeit wurde diese Art von Tod, vor allem von der älteren Generation verstoßen. Als das Werk auf den Markt kam, sorgte es vor allem bei den jungen Menschen für Begeisterung, bei den Älteren für Ablehnung.

Auch die orthodoxen Theologen lehnten dieses Werk ab, da es ihrer Meinung nach den Selbstmord verharmloste. Dies war auch der Fall; viele junge Menschen setzten ihrem Leben durch Suizid ein Ende.

Goethe verwendet in seinem Werk viele Schlüsselbegriffe, wie z.B. Natur, Sonne und Himmel. Dies steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der Natur, welche die Stürmer und Dränger vergöttlichend und teilweise auch paradiesisch sahen. Bei dem Zitat: „Wie ausgetrocknet meine Sinne werden! Nicht einen Augenblick der Fülle des Herzens, nicht eine selige Stunde!“ (Kapitel 2, am 20. Januar) wird die gefühlsbetonte Schreibweise von Goethe deutlich, er beschreibt das Geschehen sehr dramatisch.

Goethe verknüpft zwei unterschiedliche Werke, zum einen sein eigenes und zum anderen Emilia Galotti, indem er seinen Hauptcharakter Werther an seinem Todestag, Emilia Galotti lesen lässt.

Die Sprache unterscheidet sich in der Leichtigkeit des Lesens, da Emilia Galotti hauptsächlich für das adlige und gebildete Volk bestimmt war und somit die Ausdrucksweise komplizierter war. Goethes Werk weist mehr Umgangssprache auf, da es auch von der Mittelschicht verstanden werden sollte.

Lessings Emilia Galotti spielt in der Zeit der Aufklärung, da es dem damals vorherrschenden französischen Vorbild widerspricht. Dies wird im vierten Aufzug, 7. Auftritt deutlich, als Orsina sich den Moralvorstellungen dieser Zeit widersetzt, da sie sich als Adlige auf die Seite des Bürgertums begibt.

An Odoardo, dem Vater Emilias zeigt Lessing die Situation in welcher sich die Menschen in der Zeit zur Aufklärung befanden. Er zeigt schon Ansätze eines aufklärerischen Denkens, verfällt jedoch wieder in sein altes Denken mit der Entscheidung Emilia zu töten da er die Ehre seiner Familie beibehalten möchte.

Gemeinsamkeiten der beiden Werke sind die jeweiligen Tode der Protagonisten, da sie dies für ihren einzigen Ausweg aus dem Leiden sahen. Zum anderen ziehen beide das Bürgertum dem Adel vor, da die Galottis eigentlich dem Adel angehören, jedoch als Bürger leben. Werther sieht sich keiner speziellen Schicht an, bevorzugt jedoch das Bürgertum.

Unser Fazit nach der Auflistung verschiedener Aspekte ist, dass die Sturm und Drang Bewegung eine Epoche für sich ist, da die Unterschiede eindeutig überwiegen. Vor allem der Aspekt, dass sich die Aufklärung auf Verstand, Vernunft und wissenschaftliche Beweise und Sturm und Drang auf starke Gefühle spezialisiert hat. Außerdem ist der Unterschied des Alters auch ein ausschlaggebender Grund, dass Sturm und Drang und die Aufklärung keine gemeinsame Epoche bilden kann. Auch die oben aufgelisteten Unterschiede der beiden Lektüren weisen auf verschiedene Epochen hin.

Quellen:

Thurm, Frida: Literatur des Sturm und Drang. Unter: http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/15/thema-literatur-des-sturm-und-drang-1767-1790/, 26.02.2013, abgerufen am 23.05.2014

Metzler, J.B.: Deutsche Literaturgeschichte, Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 2008. S. 158, 159, 173

Fingerhut, Margret & Karlheinz: Epochenumbruch 1800: Aufklärung- Sturm und Drang. Berlin 2002. S.27

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